Die Haut der Welt
Ein Blick auf die textilen Werke von Sabine Cibert
Auf den ersten Blick verwundert das Werk. Was ist es? Woher kommt es? Aus welcher Zeit stammt es? Wie außergewöhnlich die verschiedenen Materien und Farben zusammen gefügt sind…
Das Ziel, daß Sabine Cibert mit ihren Werken verfolgt bleibt rätselhaft; aber nur auf den ersten Blick. Sie stellt ihre Werke mitten ins Labyrinth der modernen Kunst und ihre Werke fügen sich auf natürliche Weise auch an den ungewöhnlichsten Ausstellungorten ein. Nichts macht ihr Angst. Sie möchte ihre Werke zeigen.
Es liegt etwas Selbstverständliches in Ihrer Arbeit. ”Wir kennen das”, sagen wir uns, wir haben das bereits gesehen; die Logotypen, die Formen, die Farben, eine zeitlose Verlockung, die durch ihre Klarheit Vertrauen schafft! Die radikale Weise mit der sie gerade Linien setzt, schaffen eine klare visuelle Präsenz; die kraftvoll ist und zugleich geschmeidig wirkt.
“Das habe ich schon gesehen”, denken Sie und Sie haben recht. Ein Detail aus einem Inka Tempel; oder aus einer modernen oder industrielleren architektonischen Epoche; in der Musterung eines Blattes oder tief im Inneren eines Mineralkristalls.
Das ist das Universum der Werke von Sabine Cibert. Die langsame Metamorphose der unterschiedlichsten Darstellungsmethoden, ist ihre Welt.
Sie versteht gut, dass die virtuelle Vernetzung unseres Bewusstseins seit ewigen Zeiten eng mit unserem Verständnis und unserem Blick auf Kunst verbunden ist. Abstrakte; realistische oder bildliche Darstellung;…dass ist ihr nicht wichtig. Außerhalb jeder kategorischen Verpflichtung, konzentriert sie sich eher auf das Fundament, und darauf ein Material zu wählen, welches den Menschen vor Kälte schützt, ihm Anschluss an die Zivilisation bietet und die Stattlichkeit seiner Herkunft aufzeigt.
Die Geschichte der Marktwirtschaft ist eng mit der Welt der Textilien verbunden, da sich der Mensch vor Kälte und Hitze schützen musste! Hier liegt auch die Geburtsstätte der Sprachen und ihrer historischen Überschneidungen.
Was die Künstlerin am Meisten interessiert ist diese “Haut der Welt!”, daß das Material widerstandsfähig ist und sich gleichsam individuell tragen lässt. Zunächst wirkt das Textil empfindlich, dabei ist es seit Ewigkeit mit der Menschheit verknüpft. Den Menschen und das Textil verbindet eine stahlende Vergangenheit und ein gemeinsamer Reichtum. Die Landwirtschaft stellt die Fasern her und die Farben wurden aus Pflanzen und Mineralien gewonnen. Welche Haut kann für den Menschen schöner sein, als die, die er durch seine Arbeit aus der Natur gewonnen hat.
Die Palette ist weit. Die der Menschheit, die seit ewiger Zeit ihr “ich” dadurch definiert sie “sich” zeigen will, in einer Welt der Zeichen und Blicke der anderen!
”Da mein Name und meine Herkunft nicht auf meinem Körper markiert sind, kann ich mich nur so kleiden, daß ich erkannt werde”. So fühlt man sich sicher, geschützt und in der Gruppe erkennbar.
Ein in Textil gekleideter Mensch entgeht der Anonymität. Die Textilindustrie überflutet uns mit Mode und wir interessieren uns für die Blicke der anderen, offenbar definieren wir so unsere Identität. In seiner “verrückten” Vorstellung über Zivilisation schenkt der Mensch dann der Besiedlung seiner Umwelt viel Aufmerksamkeit; bleibt er Nomade oder wird er sesshaft; es geht immer um die gleiche Suche nach Identität.
”Ich bin nur das, was man von mir sieht. Das, was ich von mir zeigen will”.
Jede Zivilisation hat -dank der maritimen Leistungen der Menschheit jedes Gebiet zu erforschen und sich und die Umwelt zu verschönern- eine feine “textile” Geheimsprache.
Dieser Kode ist durch den Verlauf der Geschichte geheimnisvoll geworden, obwohl nur diese geheime Sprache den Ursprung der Zivilisation aufzeigen kann. In unserer Zeit leuchten und strahlen nur noch die Buchstaben. Auch der, der diese Sprache nicht versteht verspürt in seiner Seele den Glanz, wenn er durch die Berührung mit “der Haut der Welt” ein unberührtes und universales Paradigma wiederfindet.
Das Werk von Sabine Cibert, eben diese Wellenbewegung, die den Ufern der Ewigkeit entspringt; arbeiten; ohne dabei aufzuhören, den Raum immer neu zu schaffen und für die Natur neu zu beanspruchen.
Hartes Handwerk, nach exakten Regel; da die noblen Materialien und die Kraft des Einstichs den langsamen Rhythmus vorgeben; einen Walzer der Schwere; die Zeit hat all ihre Zeit; die der Ewigkeit. Jedes hastige Vorgehen ist ein Verrat.
Das Werk von Sabine Cibert nimmt sich die Zeit für diesen Walzer; sie ist es, die die Ankunft der Welle, die Bedingungen und den Rahmen bestimmt.
Hierdurch erkennt man ”herausragende” Kunst, sie verkörpert tiefe Bewegungen, die so alt und selbstverständlich wirken; wieder gegeben in den Farben und Zeichen unserer Zeit.
Johann Sebastian Bach hat oft geschrieben, dass er in “Partitas”; spich in keinen “kleinen Stücken” denken würde, um die “Windungen seines Geistes” zu durchleuchten. Diese Form des Ausdrucks; bestehend aus der Beziehung zwischen zwei Teilchen; indem das einen auf das andere angewiesen ist, ohne das dies einen davon abhält; beide Teile in ihrer Verschiedenheit zu bewundern.
So ist das Werk von Sabine Cibert aufgebaut. Man kann die Werke in ihrer Entwicklung verfolgen oder bei nur einem Werk inne halten. Aber zu keinem Zeitpunkt kann man sich erlauben, zu übersehen, das die Arbeit sehr eng mit dem “Herz der Faser” verbunden ist, noch feiner als ihr Werk; – dieses Zusammenspiel möchte sie zum Ausdruck bringen.
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Stéphane Salord
Mitbegründer und Co-Leiter des ESDAC
Ecole Supérieure de Design d’Art et de Communication d’Aix-en-Provence
Juni 2014