Landschaften
Flaschs-Festival und der Kunstfaser
Juli 2024
La Bergerie, Sotteville-sur-Mer, Normandie, Frankreich.
“Ich will das fertige Gemälde erschaffen, nicht das Gemälde in Stücken, das vollendete Gemälde […] Man wird nicht sehen, wie die Farben aufgetragen wurden […] sie werden da sein, nach den Prinzipien von jeher, aber man wird nicht sehen, wie sie ineinander übergehen.“ ¹
In 1912, Robert Delaunay started on a series Fenêtres in which he deconstructed the panorama he could see outside his studio. Technically speaking, the scenery was but a juxtaposition of colours and contrasts perceived simultaneously, in a single moment.
Like the Delaunays, Sabine Cibert creates works of nothing but colour and in a single material: textile.
Thousands of squares painstakingly collected and prepared then assembled. One feature of textiles is that they have not only their own architecture, in the form of their weave, but also their own colour. The artist uses these pieces of fabric to produce a composition bordering on abstraction, in which you try to pinpoint where one colour is abandoned for another.
Im Jahr 1912 beginnt Robert Delaunay die Serie der Fenster, in welcher er das Panorama, das sich ihm jenseits der Mauern seines Ateliers bietet, dekonstruiert. Die urbane Landschaft ist nun technisch gesehen nichts weiter als ein Nebeneinander von Farben und Kontrasten, die gleichzeitig, mit einem Blick, erfasst werden.
Wie das Künstlerehepaar Delaunay schafft auch Sabine Cibert Werke, die gänzlich Farbe sind – und deren Stofflichkeit ausschließlich Stoffe: Tausende von Stoffquadraten, die geduldig gesammelt, vorbereitet und dann zusammengefügt wurden. Stoffe haben die Besonderheit, dass ihnen nicht nur eine Architektur, sondern auch die Webart, eine eigene Farbe innewohnt. Aus unzähligen Stoffstücken schafft Sabine Cibert Kompositionen an der Grenze zur Abstraktion, bei deren Betrachtung das Auge zu ergründen sucht, wie ein Farbton in den nächsten übergeht.
Was dekonstruiert Sabine Cibert, um es mit Farbe zu rekonstruieren? Vielleicht ebenfalls Landschaften. Aber wie bei Maria Helena Vieira da Silva, einer zentralen Vertreterin der abstrakten Landschaftsmalerei, befinden sich ihre Landschaften sowohl vor unseren Augen als auch in uns selbst.
All diese Kompositionen entstehen bis auf wenige technische Details auf identische Art und Weise: Stoffquadrate werden in geduldiger Handarbeit vorbereitet, dann miteinander vernäht. Und doch sind alle unterschiedlich. Wie ein und dieselbe Landschaft, die sich im Laufe der Jahreszeiten verändert; wie widersprüchliche Empfindungen, die sich in ein und demselben Geist einstellen, um sich gleich darauf wieder zu verflüchtigen.
Mit Landschaften stellt Sabine Cibert eine Serie von zehn Werken vor: Panoramas, die den Kreislauf der Jahreszeiten und der Vegetation darstellen. Es ist eine technische Höchstleistung, aus der Vielzahl antinomischer Stofffragmente eine fragile Einheit entstehen zu lassen. Nur wenige Indizien erlauben uns, das ursprüngliche Motiv wiederzuerkennen. Aber existiert es denn überhaupt? Der langsame Entstehungsprozess des Werkes spiegelt auch das langsame Voranschreiten der Zeit vor unseren Augen, den Kreislauf der Jahreszeiten.
Morgendämmerung beschwört den Moment herauf, in dem noch alles möglich scheint. Die Farben erzeugen changierende Lichteffekte, wie zu Beginn oder am Ende des Frühlings. Noch weiß man nicht, ob die Natur gleich erwacht – oder bereits voll erblüht ist. Das großformatige Werk Winter 1 und die kleinen Formate der Schnee-Variationen sind die Kälte, die das Wasser der Gebirgsbäche erstarren ließ; oder handelt es sich um eine Sandbank an der Küste der Normandie, auf der ein paar windbewegte Schaumkronen überlebt haben? Die Werke aus der Serie Haut der Welt wiederum erinnern an die Rinde eines Baumes, oder die Flanke eines Tieres im Herbst. Abwesenheit – das ist die vollständige Abwesenheit von Wasser unter einer Hitzewellen-Sonne.
Sabine Cibert erschafft stets intimer werdende Kompositionen, indem sie die Fläche ihrer Werke reduziert, ohne an Kraft einzubüßen. Die zentralen Kraftlinien der frühen großformatigen Werke treten mehr und mehr in den Hintergrund und überlassen nun allen Raum den Farbschwingungen und dem irisierenden Licht.
Dawn evokes the moment when all is on the cusp of change. The colours are shot with light, an in the dawning or dusking of spring. Is nature about to burst forth? or has it already blossomed? The huge Winter 1 and the tiny Snows are the cold that freezes torrential streams, or maybe a sandbank on the coast of Normandy where traces of foam still stir in the breeze. Skin of the World 1 and 2 give an impression of bark, or the autumnal hide of an animal. Absence is that of water beneath the summer sun in a scorching heatwave.
Gradually Sabine Cibert builds compositions which take on an intimate feel as their surface is reduced, without diminishing in force. The main thrust of the first large formats dissipate, leaving only the vibration of colour and the sheen of light.
Thomas Leveugle
Kunsthistoriker
Kurator der Ausstellung “Paysages” Bergerie de Sotteville-sur-mer
Festival des Flachses und der Faserkunst 2024 – Normandie – Frankreich
¹ Sonia Delaunay, Interview mit Pierre Dumayet, „Le temps de lire“ (Die Zeit zu lesen), ORTF, 1972, in: Sonia Delaunay, les couleurs de l’abstraction, hg. von Anne Montfort und Cécile Godefroy, Ausst.-Kat. Paris, Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris, Paris 2014, S. 275 (eig. Übersetzung)