Textile Gesten und Variationen

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Textile Gesten und Variationen

Textile Gesten und Variationen
piano, dann mezzo forte

“Sie [die Langsamkeit] ist an dem Willen zu erkennen, die Zeit nicht zur Eile zu drängen, sich von der Zeit nicht drängeln zu lassen, dabei unsere Fähigkeit zu erhöhen, die Welt in uns aufzunehmen, ohne uns dabei selbst zu vergessen.” ¹

Aus: Du bon usage de la lenteur (Vom guten Umgang mit der Langsamkeit), Pierre Sansot

Die textile Kunst als urbanes Gewebe:

Das französischen Verb penser (denken) leitet sich ab von dem lateinischen Verb pensare (abwiegen). Um also eine Form zu erdenken, muss diese mit einem Bild assoziiert werden, das nach einer sorgfältigen Gebrauchsanalyse entsteht; keine Stadt ohne Planung, ohne den Bau diverser Elemente: Wohngebäude, Läden, Kulturstätten, religiöse Stätten, Verkehrswege, Straßen, Landstraßen, Gehwege usw., alle durch und durch real. Die Stadt braucht Zeit, um Form anzunehmen. Auf die gleiche Weise ist auch die textile Kunst die Konkretisierung, sprich die Verwirklichung einer Form unter Verwendung von Stofffragmenten diverser Texturen, Farben, Dimensionen, die dauerhaft miteinander verbunden werden; dies erfordert eine bewährte Strategie, methodisches Vorgehen und sehr viel Zeit. Die Art von Zeit, die sowohl der Vorstellungskraft freien Lauf lässt als auch die erwünschte Form Wirklichkeit werden lässt; eine wahre Herausforderung, nur möglich mit dem nötigen Maß an bewusster Langsamkeit.

Chronologie :

– Stoffe sammeln und sorgfältig sortieren, um schnell diejenigen wiederzufinden, die für ein bestimmtes Projekt benötigt werden. Hunderte von Stoffmustern gilt es so zu verwahren.

– Eine Form schaffen, sie erdenken, sie entwickeln, sie zeichnen, kurz: ihr Realität verleihen, wie ein Komponist, der seine Sarabande auf dem Notenblatt festhält.

– Die Stoffe betrachten, sie nach Textur sortieren, nach Farben, sie stapeln, sie zurechtschneiden (auf exakte Maße), sie anhand einer rigorosen Methode nach Farben anordnen und so ein Stoff-Repertoire anlegen; gleichzeitig eine Kraftlinie ausmachen, entwickeln, die das Projekt Gestalt annehmen lässt (die Kraftlinie in Schwarz-Weiß bestimmt die graphische Gestaltung und liefert den Vorwand, Farbe in Szene zu setzen).

– Nun die Form konkretisieren, Wirklichkeit werden lassen, hierzu die Stoffquadrate zunächst auf einem Tisch, schließlich auf dem Boden anordnen, dem Werk so erlauben, sich im Raum zu entfalten.

– Parallel die Stoffquadrate bügeln, zusammenfügen, sorgfältig aneinandernähen, dabei Hand und Auge zufrieden stellen: Jahre, Tage, Stunden in Antizipation dessen, was die Hand dem Auge bieten wird, wenn das Werk vollendet ist: von der Hand zum Auge, von der Materie zum Geist, ein beständiges Wechselspiel, so befielt es der formpreisende Schaffensprozess.

– Nicht mehr auf die Zeit achten, sie ziehen lassen, sich dem Rhythmus einer gelungenen, achtsamen Ausführung überlassen.

– Nach dem Zusammenfügen der kleinen Quadrate das Ganze lose auf einem Rahmen drapieren, um die Dimensionen zu bewahren, dem Stoffgefüge mit Quilt-Stichen einen Impuls geben, ihm Bewegung und Volumen verleihen; die Stichführung lädt das Auge ein, der Bewegung des Werkes zu folgen, seiner Kraftlinie und seiner Fluchtlinie.

Den Raum in sich aufzunehmen, ihn zum Leben zu erwecken, dies ist die Aufgabe, der sich Sabine Cibert verschrieben hat.

 

Françoise Chabert

Philosophin, Anthropologin

Oktober 2020