Vom Wasser zum Licht

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Sabine Cibert - Eau vive 3 ©Philippe-Liev Pourcelot

Vom Wasser zum Licht

Auszug aus der Publikation zur Ausstellung „Sensitive Horizons“
in der Fondation Renaud 2025

Vom Wasser zum Licht

über “Fließendes Wasser 3“
2016 – 2017
(152 x 215 cm)

Vom See Annecy, der ihre Kindheit prägte, bis hin zur Gletscherschmelze im Mont-Blanc-Massiv, auf das sie von ihrem Alpen-Atelier aus blickt, evoziert Sabine Cibert in ihren großformatigen Textilkompositionen Landschaften – zeitgenössische Relektüren historischer Wandbehänge.

Jedes Werk entsteht in aufwändiger Handarbeit; die Fertigstellung kann bis zu zwei Jahre in Anspruch nehmen. Jede Arbeit misst mehrere Quadratmeter. Aus orthogonalen geometrischen Formen – Rechtecken und Quadraten – komponiert Sabine Cibert dynamische, instabile Bildräume. Ihre großen Formate ermöglichen es, sich ausdehnende, farbintensive und bewegte Landschaften zu schaffen.

Die Arbeit mit Stoff erlaubt eine schier unendliche Farbauswahl; die unterschiedlichen Webarten erweitern die Motivpalette zusätzlich. So entstehen Bilder wie durch Lichtbeugung – gleich einem Echo, das sich in alle Richtungen ausbreitet und zurückgeworfen wird.

Sabine Cibert, die sich intensiv mit der Abstraktion bei Paul Klee und Karl Hermann Haupt auseinandergesetzt hat, analysiert, zerlegt und verfremdet das ursprüngliche Motiv. Zugleich schöpft sie aus der gewaltigen, ungezähmten Natur mit ihren Bergen, Gletschern, Schluchten und Wildbächen. Ihr Werk lässt sich als sensible Abstraktion beschreiben.

Die Serie “Fließendes“ Wasser (2014–2021) markiert einen Wendepunkt in ihrem künstlerischen Schaffen. Sie umfasst vier monumentale Werke, für die jeweils Tausende von Stofffragmenten mit 3 oder 6 cm Seitenlänge verwendet wurden.

Bei der Arbeit am ersten Stück dieser Serie bemerkt Sabine Cibert, dass die Rückseite der Deckschicht – die mit dem Zusammenfügen der Stofflagen unsichtbar wird – eine ungeahnte plastische Kraft besitzt: Auf der Vorderseite sind die benachbarten Quadrate klar voneinander abgegrenzt, doch auf der Rückseite scheinen sie zu verschmelzen, ihre Konturen verlieren sich.

So entsteht der Wunsch, ein Werk „linkseitig“ zusammenzufügen und dadurch eine gänzlich neue Lesart zu ermöglichen. Die Nähte bleiben sichtbar, der Schaffensprozess wird nachvollziehbar, die optische Wirkung intensiviert. “Fließendes Wasser 3“ verbindet eine neue, durch die Struktur erzeugte Dichte mit der Tiefe einer farbigen Komposition. Diese neue Oberflächengestaltung erzeugt eine ungeahnte Sinnlichkeit – als wollte sich der Äther über die Materie legen.

Diese Serie leitet Sabine Ciberts jüngste Werkphase ein, in der atmosphärische Effekte eine zentrale Rolle spielen. Über die Landschaftsdarstellung hinaus offenbaren die Serien “Tauwetter“ (2021–2023) und “Morgendämmerung“ (seit 2023) das, was sich dem Blick entzieht: Schatten, Luftbewegungen, gefrierendes Wasser, den Sonnenaufgang.

Das Naturereignis, das die Landschaft verändert, weicht der Empfindung. In der Serie “Morgendämmerung“ geht es nicht mehr darum, dumpfe, tektonische Vibrationen oder flüchtige, im Chaos endende Unfälle darzustellen; es geht nun darum, den Übergang von einem Zustand in den nächsten zu erleben – den flüchtigen Moment einzufangen, in dem das Licht die Nacht durchdringt.

Diese Serie ist auch technisch ein Meisterwerk: Die anfänglich monochrom abgestuften Farbtöne weichen einer Vielzahl farblicher Nuancen, ohne dass die Komposition ihre Harmonie verliert.

 

 

Thomas Leveugle

Kurator der Ausstellung
Programmdirektor Showroom Galerie 7

Ausstellung, Horizons sensibles, Fondation Renaud, Lyon, Frankreich, 2024