Rythmik der Formen

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Sabine Cibert Instants2 et Instants 3, détail ©Philippe-Liev Pourcelot

Rythmik der Formen

Sabine Cibert, eine Rhythmik der Formen

Die Textilpartituren von Sabine Cibert klingen noch immer in unseren Ohren. Ein seltsames Phänomen für den Betrachter von Wandteppichen! Vom ersten Anblick bis zu den jüngsten Ausstellungen im Dardilly Aqueduc und im Showroom Galerie 7 von Lyon erscheint das Gewebe nicht als einfaches Material, sondern als Arbeit einer verinnerlichten Materie, die von Fäden der Erinnerung gekreuzt sind und intim aus einer Meditation über den Ursprung, die Zeit und das Leben gesponnen und von unterschiedlichen Rhythmen belebt wird. Jede Partitur ist eminent poetisch, in ihrem Aufbau und ihrem Klang, in der gemeinsamen Idee eines Ensembles – zusammengefügte Textilien und das die Galerie beherrschende Gesamtwerk – und einzigartig; die Tafel funktioniert als singuläre Einheit, die sich der Reflexion in der zweifachen Bedeutung des Wortes öffnet, Brechung des Lichts und des Denkens. Es handelt sich also um eine Arbeit, die Anleihen beim Handwerk und den verschiedenen Künsten macht: Bewegungen, Tänze, Ströme, Tempi, Wiederholungen durchdringen sie. Sabine Cibert arbeitet auf diese Art in der Langsamkeit der Tage und lässt Licht und Schatten wirken und die Stoffe über lange Zeit dem Fortschreiten der Idee entsprechend nähen, wobei sie es versteht, die Dinge mit Hilfe von Software, die Schnelligkeit des Designs, die Fähigkeit der Anpassung, Komposition und Kombination möglich macht, umzustürzen. Vielleicht schulden wir dieser ausgedehnten Zeit den doppelten Effekt von Architektur und Bruch, Surren und Stille, Ausdehnung und Konzentration. Dieses erstaunliche unterbrochene Kontinuum zieht sich über die Wände hin und schafft einen mobilen Raum. Sagt sie nicht selbst, dass jeder Wandteppich konzipiert ist, um mit dem Raum in einen Dialog zu treten, in einem größeren Maßstab als das menschliche Maß, und dass seine Gestaltung sich der Zelte der Nomaden als ähnlich erweist.

Der Titel der ersten im Aqueduc ausgestellten Arbeit Espace-temps 4 verstärkt den Eindruck von Bewegung. Alles kommt dabei zusammen, die Breite der Tafeln, die chromatische Organisation, die Vielzahl der Quadrate, der zerknitterte Stoff. Die Lichteffekte benutzende und von ihnen ausgehende Arbeit ist sofort zu erkennen. Was auch immer der Ausstellungsort sein mag, ein modernes Gebäude mit hellem Exterieur oder Vieux-Lyon mit hohen getäfelten Decken: Die Arbeit geht eine besondere Beziehung zum Raum ein und nimmt einen eigenen Rhythmus an. Zur gleichen Zeit gibt es etwas Zeitloses, das unabänderlich das Bild der nahegelegenen Saône und Rhône, die Kreuzung des Zeitgenössischen mit dem Alten und auch die plurale Geographie von Sabine Cibert, ihre Verankerung in Lyon, ihre Wanderungen in den Alpen, ihre Reisen, die Herkunft der Stoffe durchscheinen lässt. Dies stellt sich durch den Wandteppich selbst ein und überspannt seine einfache Ausstellung. Es könnte – warum nicht? – einen Film zur Arbeit geben, ein Bild im Bild, das zu den Quellen der Bewegung zurückgeht, das Leben und den Tod umhüllt, so wie der Wind sich an die Formen eines Körpers anschmiegt. Es könnte – und die Serie Espace-temps legt davon Zeugnis ab – den unermüdlichen Wunsch des Künstlers zeigen, die Genesis der Form und ihren Pulsschlag zwischen Extim und Intim zu untersuchen, zu erfahren und erfahren zu lassen. Die winzig kleinen grau-schwarzen Quadrate, die das Triptychon in Orangetönen durchziehen, erinnern an Filmstreifen. Jedes Fragment gibt dem Auge ein Bild wieder, das sich zur gleichen Zeit betrachtet und betrachten lässt und in der Manier von René Char, der sagte, dass diese Farbe “das lebende Unmögliche” in sich birgt, ein feines Anhören des Schwarzen einleitet. Wie in den meisten Arbeiten der Künstlerin sind die Farbvarianten extrem nuanciert und reichen hier von Grau und Schwarz, von Heller zu Dunkler, als schattiges Echo von Schatten zu leuchtendem Orange. Dies führt zu einer doppelten Empfindung von Offenheit, Farbfeld, Wärme und Miniaturisierung; wenn man sich der Tafel nähert, bietet jedes kleine dunkle Quadrat eine Welt in einer Welt, Innen- und Außenszenen, mit Astwerk, Wintergärten, Silhouetten, einen im Halbdunkel versunkenen Raum, ihren gemeinsamen Effekten von Transparenz, chinesischen Schattenspielen und Opazität.

Könnte man darin die Abstraktion einer entfernten bildlichen Darstellung lesen, vielleicht die erste in der ältesten Schicht des Palimpsest, die durch das Geweberaster mit Absicht durscheint? Doch trotz dieser Dichte bleibt die Leichtigkeit, verwirrend, rauschend. In der Serie espace-tempsunterstreicht das im Showroom Galerie 7 ausgestellte Exponat 5die Bewegung, die wie ein Segel zu schwellen scheint und hebt die Verschiebungen des Lichts durch aufeinanderfolgende, von den winzigen schwarzen Quadrate gebildeten Schlauf en, hervor. Die Bearbeitung von Gelb ist faszinierend, aufregend. Sie ermöglicht es, das subtile Spiel zwischen Transparenz und OfondOpaquepazität zu sehen, auf die gleiche Art, wie wir es auch in einem anderen Exponat mit dem Titel réminiscences vorfinden, das die Besonderheit aufweist, mit der Wand eine Einheit zu bilden, ganz so, als ob sich Träger und Werk vermischten, wodurch die Vorstellung des Palimpsests verstärkt wird. réminiscences projiziert neben seinen Bezügen zu Kandinsky ein Unendliches, das schwarz-weiße Schachbrett, das nicht aufhört, immer wieder die Frage nach dem Ursprung zu stellen. Zweifellos werden diese Eindrücke durch das Arbeiten auf der Rückseite mit der sogenannten Kuna-mola Technik oder umgekehrten Applikation bewirkt, die von einer traditionell von Indianerfrauen zur Bedeckung des nackten Oberkörpers gefertigten Skulptur aus Stoffen mit geometrischen Mustern inspiriert ist. Réminiscences wie auch Espace-temps bieten eine schöne Definition des Schaffens: Zunächst eine Beziehung zu der/den Welt/Welten, der/den Sprache/Sprachen anzugahnen und sich dann davon zu lösen; sodann das doppelte Prinzip von Harmonie und Atmen der Arbeit bewahren, was ohne Zweifel einen Zugang zum Heiligen, mindestens aber zur Sublimierung bildet. Aber, und Sabine Cibert besteht darauf, das Wichtigste ist, erstaunt zu bleiben und dem Publikum wieder die Möglichkeit zu geben, “dieses seit Adam unstillbare Verlangen im Menschen, gewaltsam den Tresor des Nichtoffenbarten zu öffnen, die Maske des Verborgenen zu lüften, das Unbekannte zu durchsuchen”, wie es der Dichter Charles Dobzynski ausgedrückt hat.

Wie kann man davon ausgehend das Werk nicht in seiner Öffnung zum Imaginären verstehen? Franchir 2 ist in dieser Hinsicht symptomatisch. Diese Vorstellung der Überquerung oder sogar der Übertretung, zu der der Begriff der Serie hinzukommt, an die die Zahl 2 erinnert, macht die Beziehung zur “Leinwand” komplex. Was zeigt sie? Franchir kann sich auf einen schwach ausgeprägten, aber nicht weniger wirklichen Übergang vom Figurativem zur Abstraktion beziehen. Zunächst könnte man bei seinen Linien an einen Baumstamm denken, durch den die Sonnenstrahlen hindurchgehen; die Helligkeit erscheint auf halber Höhe des Wandteppichs und skizziert eine durchgehende horizontale Lichtung. Gleichzeitig ist der Wald streng genommen kein Wald, sondern eine Kombination all seiner Komponenten, seiner Gäste wie auch der Objekte, die man aus ihm herstellen kann: Windspiele, Waldvögel mit ihren Federn, die vom Gewöhnlichsten zum Exotischsten reichen, einem Himmel, den man zwischen den Bäumen erahnen kann, und die von der Künstlerin zusammengestellte Palette von Blautönen. Aber das Holz ist auch das Holz der Fabeln und deshalb sind die langen farbigen Striche keine einfachen Stämme, sondern weben Geschichte, und seine Lianen aus Stoff befeuern und bringen den Traum hervor, teilen die Zeit mit ständigem Pulsschlag zwischen den leuchtenden und dunklen Linien, zwischen Vertikalität und Schärfentiefe. Identische konvulsive Bewegungen sind auf den Tafeln mit dem Titel Instants 1 und 2mit einem Hin und Her zwischen Mikro- und Makrokosmos, Konvergenz und Divergenz zu finden. Der Betrachter navigiert in einer Dünung von Diagonalen und Rauten in sinusoidalen Wellen und vielleicht kommen ihm die Verse von Saint-John Perse in den Sinn: “So kommt das Meer zu uns in seinem großen Alter und seinen großen variskischen Falten”. Es scheint auch, dass man in diesen beiden “Bildern” die Architekturausbildung der Künstlerin am deutlichsten spüren kann, durch die Wiederholung der Rauten, die Markierung durch kleine Quadrate, die im Herzen des Gewebes sichtbaren Abdrücke als Objekte oder Pflanzen. All dies gibt dem an ihnen vorbeigehenden Besucher die Illusion, in das Herz einer Stadt oder vielmehr in die Form einer Stadt hineingezogen zu werden und dabei wie Julien Gracq von “dem Gitternetz ihrer Straßen, Boulevards und Parks” ergriffen zu werden, vom “Schwindel der Metamorphose”. Zweifellos ist dies der zentrale Nerv der Arbeit der Künstlerin, die dem Schriftsteller den bezeichnenden Titel La forme d’une ville entliehen hat. Es sollte nicht vergessen werden, dass sie das hauptsächliche Projekt von Sabine Cibert bildet, nicht wegen seiner meisterhaften Vollendung, sondern aufgrund seiner Entstehungsgeschichte und seiner unendlich modulierbaren Ausarbeitung. Kein Wunder also, dass uns seine Ausarbeitung so poetisch erscheint, und jede herkömmliche Sprache und jede feste Besetzung von Raum destabilisiert. Die Welt, die sich die bildende Künstlerin vorstellt, besteht aus Transition, übrigens auch der Titel einer ihrer markantesten Arbeiten. Selbst der Zwischenraum zwischen den Tafeln hat eine Funktion: Die Linien springen sozusagen von einem Ufer zum anderen und simulieren durch ihre Schattierungen von Blau zu Braun über Beige die verschiedenen Zustände der Materie, trocken oder nass, sandig oder kompakt, ihre Tiefe und ihre Oberfläche. Beim Betrachten der linken Tafel gehen die Wellenlinien vom Rand, von einem Ursprung aus, wie das Hieven des Unsichtbaren ins Sichtbare. Im Gegensatz dazu erreicht in der rechten Tafel keine Linie einen Endpunkt. Etwas jedoch bleibt gleich, Gewebeband, Stab, Frequenz, was auch immer! Ihre Schwingungen werden all diejenigen erreichen, die dem Unerwarteten zugestimmt haben und dem neuen “Scraps of Time”, wörtliche Übersetzung des Musikgenres “Ragtime”, zuhören und das Bild von Theo van Doesburg betrachten, das Sabine Cibert als Inspiration gedient hat; sie hat es allerdings sehr frei interpretiert und ihre eigenen unwahrscheinlichen “Elemente” aufgegriffen und zusammengefügt.

 

 

Chantal Danjou
Dichterin, Romanautorin und Essayistin

Januar 2017

Überzetsung Maïca Sanconie

Ausstellung Emergence,  Showroom Galerie 7, Lyon, Frankreich, 2016.

Ausstellung, L’Aqueduc, Dardilly, Frankreich, 2016.