Der Gesang der Morgendämmerung
Der Gesang der Morgendämmerung
Text auf den Seiten 119–120 der Publikation:
HS_Projets
Ville de Clermont-Ferrand
Clermont Auvergne Métropole
Silvana Editoriale
ISBN 9788836663750
Juni 2026
Ausstellung, Cité internationale de la tapisserie, Aubusson, Frankreich, 2026
In der Cité internationale de la tapisserie in Aubusson wird Sabine Ciberts Morgendämmerung 281 (Aube 281) unweit von Jean Lurçats Le Chant du Monde (Der Gesang der Welt) gezeigt, das zwischen 1954 und 1966 im Atelier Tabard gewebt wurde und ausnahmsweise vom Museum in Angers als Leihgabe zur Verfügung gestellt wird. Diese Begegnung ist zugleich ein Zeugnis der Geschichte des 20. Jahrhunderts.
Ab 1957 verfolgt Jean Lurçat das Vorhaben eines monumentalen künstlerischen Vermächtnisses: Le Chant du Monde.
Zu den Ursprüngen dieses Zyklus zählen Lurçats Begegnung mit der Apokalypse von Angers im Juli 1938, am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, sowie eine erste, 1947 für Notre-Dame d’Assy in Hochsavoyen gewebte Fassung – eine Darstellung der Offenbarung des Johannes. Seine eigentliche Geburtsstunde jedoch ist in der Begegnung Jean Lurçats mit Rainer Maria Rilke im Jahr 1912 zu suchen.
Le Chant du Monde lässt die Duineser Elegien nachklingen, in denen Rilke Schönheit nicht als Gnade begreift, sondern als einen Übergang, jenseits dessen alles auf dem Spiel steht: „Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören.“¹ Wie bei Burke steht die Schönheit dem Erhabenen nahe, einem mit Lust vermischten, „frohen Schrecken“².
Jean Lurçat verdichtet den Geist des Dichters: Die monumentale Schönheit des gewebten Werks trifft auf die Angst der Gegenwart, im Spannungsfeld zwischen atomarer Bedrohung und Hoffnung: „Die Welt wird sich erst an den Gesang wagen, wenn die große Bedrohung durch diese gewaltige, widerwärtige Pustel der Bombe im gemeinsamen Einvernehmen aus dem Fleisch der Menschen gerissen worden ist. Ich leiste meinen Beitrag.“³
Lurçat will ein Werk der Erinnerung schaffen und knüpft dabei an Technik und Format der historischen Tapisserie an. Mit seinen zehn Teilen bildet der monumentale Zyklus bis heute das größte zeitgenössische Tapisserie-Ensemble. Der gleichmäßig schwarze Hintergrund gleicht einem grenzenlosen Universum ohne Licht. In dieser Leere schweben die gespenstischen Bilder einer angekündigten Apokalypse – vom Ende der Menschheit und ihrer möglichen Auferstehung.
Der noch unvollständige Zyklus – vollendet wird er erst 1966 nach Lurçats Tod – wird 1963 von dem jungen Direktor Jean-Pierre Laurent4 erstmals im Schloss Annecy öffentlich gezeigt. Die Ausstellung wurde von einer Klanginstallation begleitet.
Ein Jahr zuvor hatten Jean Lurçat und das Ehepaar Alice und Pierre Pauli auf der anderen Seite der Grenze das Centre International de la Tapisserie Ancienne et Moderne (CITAM)⁵ gegründet und die erste internationale Tapisserie-Biennale in Lausanne eröffnet. Dieses Ereignis etablierte die Textilkunst im Feld der zeitgenössischen Kunst und ebnete der Fiber Art den Weg..
In Annecy entdeckt die siebenjährige Sabine Cibert, Schülerin der dortigen École des Beaux-Arts, Lurçats Le Chant du Monde. Sechzig Jahre später begleitet sie diese erste Begegnung noch immer.
Morgendämmerung 281 setzt Le Chant du Monde und die Apokalypse von Angers fort. Wie der Bildwirker, der aus gefärbter Wolle ein Motiv entstehen lässt, verwendet Sabine Cibert in langer, geduldiger Handarbeit bereits vorhandene Stoffe und verbindet dabei die Strenge mit der Sensibilität einer Koloristin (Abb. 5). Das Hochformat entspricht dem der beiden Tapisserien L’Homme d’Hiroshima und La Fin de tout. Doch hier weicht die zerbrochene Rose, die in der Weite des sternenübersäten Universums schwebt, der Geburt der Farbe des Tages. Dem Erscheinen der Morgendämmerung. Lurçats schwarze Hintergründe treten zurück; nur die atmosphärische Empfindung des farbigen Lichts tritt hervor. Ein anderer Tag ist möglich.
Thomas Leveugle
Kurator der Textilbiennale – Clermont-Ferrand