Das fehlende Glied
Übersetzung in Arbeit
Excerpt from the FITE publication Festival International des Textiles Extra ordinaires 2022 Imagine !
HS_Projets,
ville de Clermont-Ferrand,
Musée Bargoin,
Clermont Auvergne Métropole
Im Jahr 1882 verlässt der Wandteppich-Zyklus “Die Dame mit dem Einhorn” (La Dame à la licorne) für 25. 000 Goldfrancs die Burg von Boussac und somit das Département de la Creuse, um im Musée de Cluny in Paris Einzug zu halten. 35 Jahre zuvor hatten die berühmte Schriftstellerin George Sand und ihr damaliger Liebhaber Prosper Mérimée die Bildteppichserie aus dem Mittelalter betrachtet, “die lange Zeit den Ratten überlassen worden war”. Die Burg diente zu diesem Zeitpunkt als Unterpräfektur. Damals war es der Wunsch der Schriftstellerin, “dass die Verwaltung für Schöne Künste exakte Kopien malen lasse, um die nationalen Sammlungen zu bereichern, die so notwendig sind für die modernen Arbeiten der Künstler”. Sie setzte hinzu, sie sei keineswegs “für eine mehr oder weniger arbiträre Anhäufung der aus den Provinzen stammenden Kunstreichtümer in den Hauptstädten”. Ein Wunsch, der ihr, die es liebte, “Kunst an ihrem eigentlichen Platze zu sehen, als eine unabdingbare Krönung der historischen Physionomie von Ländern und Städten”, nicht erfüllt werden sollte.
Über das Schicksal der Dame mit dem Einhorn darf nicht vergessen werden, dass das Zentralmassiv bis heute reich ist an textilen Kunstgütern, die in dieser Region entstanden sind: In der Abtei von La Chaise-Dieu ist ein Bildteppichzyklus aus dem 16. Jahrhundert zu sehen, der als vollständig erhalten gilt und seit 1518 dort verblieben ist. Im Schloss La Termolière in Anglars-de-Salers schmücken zehn sogenannte Kohlblatt-Bildteppiche die Wände. Entstanden sind die Teppiche in einer Werkstatt in La Marche¹.
Seit 2020 ist es der Künstlerin Sabine Cibert – wie George Sand vor ihr – ein Anliegen, Neugier und Interesse für dieses vernachlässigte Kulturerbe zu erwecken. Zunächst im Rahmen eines Projektes in La Chaise-Dieu, dann mit der Unterstützung der Schule für Pädagogische Innovation von Saint-Bonnet-de-Salers. Die Schule entstand 2018, als die Dorfschule geschlossen wurde, und ermöglicht es 100 Klassen aus dem Gemeindeverband Pays de Salers und dem Département du Chantal, an kulturellen und wissenschaftlichen Entdeckungsreisen teilzunehmen.
Mit der Unterstützung der Mediathek des Gemeindeverbands Pays de Mauriac, die im Frühling 2022 ausgewählte Werke von Sabine Cibert zeigte, entdecken fünf Klassen mit je 11-18 Schülern den Wandteppichzyklus im Schloss La Trémolière und lernen, die mehr oder weniger fantastischen Tierwesen zu identifizieren, die darauf abgebildet sind. In einem zweiten Arbeitsschritt analysieren die Schüler in Anwesenheit der Künstlerin die Farbvariationen der Wandteppiche.
Dem Beispiel der Romantik-Schriftstellerin folgend können sie so “die Faltung, die matten und glänzenden Eigenschaften der Stoffe, […], das Leuchten der edelsteinbesetzten Nadeln und sogar die Transparenz der Gaze” wahrnehmen.
Sie stellen zudem fest, dass der untere Rand der Wandteppiche fehlt. So nimmt das gemeinsam Kunstprojekt Gestalt an: Das fehlende Stück muss neu erschaffen werden.
Dünne Plättchen werden mit unterschiedlichsten Stoffstreifen umwickelt, deren Farbgebung auf die der Wandteppiche abgestimmt ist. Diese bunten Plättchen, jedes aus verschiedenen Ausgangsmaterialien und ein Produkt der verschiedenen Interpretationen und Techniken der Kinder, werden anschließend zusammengefügt und bilden so das fehlende Glied zwischen Mittelalter und Gegenwart.
Das Projekt erlaubt den Bewohnern des Zentralmassivs, sich auf amüsante und moderne Weise mit dem textilen Kulturerbe ihrer Region auseinanderzusetzen. George Sand müsste sich nicht mehr die Frage stellen, “ob irgendein Einheimischer sich die Mühe gemacht hat herauszufinden, was diese herausragenden Kunstwerke unter der Patina der Jahrhunderte darstellen oder bedeuten.”²
Thomas Leveugle
Projektleitung HS-Projets, Generalkurator FITE
Festival International des Textiles Extra ordinaires
¹ kleines Dorf im Département de la Nièvre
² SAND George, Promenade dans le Berry. Mœurs, coutumes, légendes. Préface de Georges Lubin, Complexe, s.l., 1992, coll. Le Regard Littéraire, n°55, pp.94-101. Zitate übersetzt von Michaela Gohmert.
Ausstellung Chapelle des Carmes, FITE Clermont-Ferrand, Frankreich, 2022.