Les Nouvelles Juni 2023
Aus der Zeitschrift “Les Nouvelles, Patchwork et Création Textile”,
hrsg. von der Association France-Patchwork
Sabine Ciberts Ausstellung Tauwetter im Showroom Galerie 7 in Lyon vom 9. Februar bis 9. März 2023 hat uns Lust gemacht, die Künstlerin persönlich kennen zu lernen.
Sabine Cibert ist eine junge Künstlerin. Jung deshalb, weil – obwohl 1956 geboren – ihre künstlerische Laufbahn erst im Jahr 2013 begann. Dabei geht ihr großes, beständiges Interesse für die Textilkunst und deren großformatige Werke zurück auf ein Erlebnis in ihrer frühen Kindheit: Im Alter von sieben Jahren erleidet sie eine – beinahe körperliche – Schockreaktion, als sie zum ersten Mal den Bildteppich Le Chant du Monde (Gesang der Welt) von Jean Lurçat sieht.
Nach dem Abschluss ihres Architekturstudiums geht Sabine Cibert 35 Jahr lang einer klassischen Karriere als Städteplanerin nach, sammelt in dieser Zeit jedoch bereits Stoffe wegen ihrer Beschaffenheiten und Farben. Mit großer Aufmerksamkeit verfolgt sie die Tapisserie-Biennalen in Lausanne, besucht regelmäßig das Museum Vasarely in Gordes, durchstöbert Quilting-Kataloge und entdeckt die avantgardistischen Künstler der Bauhaus-Schule.
Gleichzeitig übt sie sich unter Anleitung einer Privatlehrerin in der Patchwork-Technik, indem sie ein Großzahl an historischen Quilts kopiert, deren mathematische Prinzipien und geometrische Muster sie faszinieren. Neben den technischen Fertigkeiten und der Disziplin, die für das Quilten unabdingbar sind, erlangt sie auch Einblicke in die unendliche Vielseitigkeit und die Allgegenwärtigkeit der Textilien: Schützend umhüllen sie uns unser Leben lang, sind schon unmittelbar nach der Geburt unser erster Kontakt zur Außenwelt, und dies seit Anbeginn der Menschheit.
Während dieses Lernprozesses entwickelt Sabine Cibert bald einen besonderen Sinn für Farben, die ihr wichtiger sind als das eigentliche Objekt. So löst sie sich nach und nach von den traditionellen Techniken und Regeln des Patchwork, um die Welt der Farben zu erforschen, ohne jedoch die handwerkliche Arbeit aufzugeben. Sind ihre ersten Werke noch stark von den Künstlern geprägt, die zur Ausbildung ihrer eigenen künstlerischen Person beigetragen haben, so entwickelt sie bald einen eigenen Stil, der sich auf persönlichere Inspirationsquellen stützt.
Vom See von Annecy ihrer Kindheit bis hin zur Gletscherschmelze im Mont-Blanc-Massiv, auf das sie von ihrem Alpen-Atelier aus blickt, evozieren ihre großformatigen Textilkompositionen Wetterphänomene, abrupt wechselnde Lichtverhältnisse und Naturgewalten.
” Dies ist gleichsam die Erfassung stimmloser und terrestrischer Schwingungen, flüchtiger Zufälle, die Chaos erzeugen, obwohl jedes einzelne Stück bedächtig und geduldig mit einem fast meditativen Ansatz geschaffen wird. “
Ausstellung Entstehung, März 2017
Sabine Cibert erschafft eine völlig neue Oberflächenstruktur, indem sie die Nähte sichtbar lässt, welche die Stofffragmente miteinander verbinden. Um sicherzustellen, dass die vollständig handgefertigten Kompositionen sich selbst tragen und dennoch nicht an Harmonie einbüßen, muss die Künstlerin gänzlich neue Techniken entwickeln. Für Sabine Cibert stellt diese Entdeckung keinen Bruch dar, sondern eher einer Weiterentwicklung. Ihre neu erworbene Freiheit lässt sie neue Risiken eingehen. Sie versteht sich nicht mehr als eine Textilkünstlerin, sondern als eine Künstlerin, die mit dem Medium Textilien arbeitet.
Sabine Cibert möchte die Wirkung einer Stoffkollektion so umfassend wie möglich erforschen. Daher arbeitet sie in Serien. So treffen große Formate auf Kleinstformate und Zwischengrößen. Stoffe und Farbpaletten bleiben dabei stets dieselben, doch die Wirkung ist jedes Mal eine andere. Sobald die Serie gedanklich entstanden und teilweise umgesetzt wurde, erhält sie einen Namen: Fließendes Wasser, Haut der Welt, Tauwetter … Die Idee, der Impuls zu einer Serie entspringen hauptsächlich einer Harmonie von Farben oder Farbtönen; Sabines Stoffrepertoires entstehen über mehrere Jahre hinweg, sind das Ergebnis eines geduldigen Zusammentragens, Sortierens und Anordnens.
” Jede Partitur ist eminent poetisch, in ihrem Aufbau und ihrem Klang, in der gemeinsamen Idee eines Ensembles […] und einzigartig; die Tafel funktioniert als singuläre Einheit, die sich der Reflexion in der zweifachen Bedeutung des Wortes öffnet, Brechung des Lichts und des Denkens […] Sabine Cibert arbeitet auf diese Art in der Langsamkeit der Tage und lässt Licht und Schatten wirken und die Stoffe über lange Zeit dem Fortschreiten der Idee entsprechend nähen”
A world of rhythmic forms, January 2017
Chantal Danjou, Dichterin, Romanautorin und Essayistin
Für die Entwürfe nutzt Sabine Cibert zunächst Zeichnungen und Kraftlinien auf Pauspapier. Anschließend erstellt sie eine digitale Skizze, in die sie Werte und Farben einträgt. Hierzu wählt sie die zu verwendende Stoffsammlung aus, stellt sich deren Anordnung gedanklich vor und notiert die Referenznummern der ausgewählten Stoffe auf ihrem Plan. Anschließend werden die Stofffragmente zugeschnitten, auf dem Untergrund festgesteckt und auf dem Boden ausgelegt, um sicherzustellen, dass alles am richtigen Platz sind. Dann werden zunächst die einzelnen Elemente (Blöcke) gefertigt und anschließend miteinander verbunden. Endlich und erst dann nimmt das Werk vor dem Quilten seine Gestalt an. Diese letzte Etappe wird erneut dokumentiert, diesmal anhand eines Fotos, dass ausgedruckt wird, damit die Künstlerin darauf zeichnen kann. Abschließend wird der Stoff auf den Untergrund gequiltet; dabei folgen die Quilt-Nähte dem zuvor entwickelten Motiv, das die Farbverteilung unterstreicht und dem Gesamtwerk eine neue Energie verleiht.
” Wenn der Winter sich bedeckt und die Erde mit Schnee überzieht, bleibt die Schneeschmelze der Betrachtung verborgen; die Zeit erstarrt, Kristallen gleich, an den Zweigen.
Morgen, übermorgen sind verborgen unter einem seidenen Schleicher; ist die Zeit gekommen, wird eine lauernde Hand ihn lüften …“
Françoise Chabert-Blanc, Januar 2023
Die Serie Tauwetter ist aus Studien zur Farbe Weiß entstanden, die in manchen außer-europäischen Kulturen mit vielen verschiedenen Wörtern bezeichnet wird. Ziel war es, der Farbe Weiß, all ihren Farbnuancen und unterschiedlichen Materialien, aber auch den mit ihr verbundenen Gefühlen, Emotionen und sogar Klängen gerecht zu werden.
Diese Ausstellung war die Gelegenheit, neue Formate zu erkunden. Gegenüber des großformatigen Werkes Winter 1 (174 x 268 cm) finden 31 kleinere Werke der Serie Schnee ihren Platz, die mit einer Größe von 15 x 15 cm die Lichteffekte von gefrorenem Wasser und Schnee einfangen. Daneben befinden sich vertikale Kompositionen der Serie Lawinen, die aus noch kleineren Stoffquadraten mit einer Seitenlänge von 3 cm entstanden sind.
Ein kleines Wandbild der Serie Morgendämmerung bringt einen Hauch von Farbe ins Spiel, als Vorbote des Frühlings und Ausblick auf die nächste Serie der Künstlerin Sabine Cibert.
Laurence Le Page und Thomas Leveugle