Ateliernotizen

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Sabine Cibert - Eau-vive 4, détail ©Philippe-Liev Pourcelot

Ateliernotizen

Auszug aus der Zeitschrift DECISION Nr. 1, Juni 2022

Jährlich erscheinende Literaturzeitschrift des Verlagshauses Éditions Orizons

25, rue des Écoles, 75005 Paris

Gründungsdirektor: Daniel Cohen     Leitung: Chantal Danjou

orizonsediteur@orange.fr
migrale@orange.fr

https://www.linkedin.com/in/chantal-danjou-14b8991a4/

Ateliernotizen

“Alle Landschaften sind in mir vorhanden. Und es ist auch für alles Platz.”
Etty Hillesum 1941-1943

 

 

Fernab der verschiedenen Konzeptionsschritte, die meine gesamte Aufmerksamkeit monopolisieren, habe ich diese Notizen niedergeschrieben; sie basieren auf Texten, die Experten über meine Arbeit verfasst haben, überwiegend anlässlich von Bewerbungsmappen.

Obwohl ich Farbe, textiles Material und das Großformat gewählt habe, um zum Ausdruck zu bringen, was ich (mit)teilen möchte, versuche ich hier, mit Worten zu erklären und zu veranschaulichen, wie eine Schaffenswelle nach und nach aus den Tiefen meines intellektuellen und kinoästhetischen Gedächtnisses entsteht.

Die gleichklingenden Vibrationen der gefühlten Landschaft – einer inneren Bewegung – und der Übertragung mehrerer – mit den äußeren Sinnen – wahrgenommener Landschaften wird mittels einer Farbpalette erforscht und anhand einer geometrischen Basisform entwickelt, die für ihrer plastische Ausdruckstärke gewählt wurde. Meine Kompositionen sind inspiriert von den Kräften der Natur und transponieren die tellurischen Kräfte und den Klang verinnerlichter Landschaften. Das textile Material, ein ebenso alltägliches wie universelles Medium, nimmt den Betrachter mit auf eine behutsame Reise hin zur Abstraktion.

Losgelöst von der traditionellen Kunstform des Quilts erschaffe ich durch das Zusammenfügen verschiedenster, über Jahrzehnte hinweg zusammengetragener Stoffe meine eigene Sprache. Seit 2017 erforsche ich eine neue Oberflächenbeschaffenheit, indem ich bei bestimmten Werken das Relief der rückseitigen Nähte zeige. Dieses dreidimensionale Gefüge erinnert an Pelz, Feder- oder Schuppenkleid; es verstärkt den Eindruck des Umhüllt-Seins und ist eine Annäherung an die Bildhauerei.

Mein Schaffensprozess stützt sich auf zwei unterschiedliche Arten von Recherche, die ursprünglich in keinerlei Verbindung zueinanderstanden: Stoffrepertoire und Farbpalette einerseits, Kraftlinien und intensive Auseinandersetzung mit grafischer Kunst andererseits.

Über Jahrzehnte hinweg trage ich Stoffrepertoires in den Farbpaletten zusammen, mit denen ich arbeiten möchte. Meine Sammlung umfasst für mich unerlässliche Stoffe wie Chambray, Bazin, Fil-à-Fil, … doch manchmal, ohne zu wissen warum, erstehe ich am anderen Ende Frankreichs einen Farbton, der drei Wochen später wie durch Zauberkraft ein Repertoire ergänzt und so vervollständigt. Dieser unerwartete Fund kann auch ein Geschenk sein – eine bedruckte Seide aus den 1950er Jahren etwa, oder eine Sammlung roter Stoffe – und erst mit diesem Fund wird ein Repertoire vollendet.

Für eine Farbpalette sammle ich eine Vielzahl edler Materialien (Baumwolle, Leinen, Seide, Wolle …) und verschiedener Gewebebindungen, also Webarten: Leinwandbindung, Satin (Atlasbindung), Fischgrätmuster, Gabardine …

An einem bestimmten Punkt treffen Geometrie, Kraftlinien und ein Stoffrepertoire aufeinander und lösen eine Welle textiler Komposition aus, die häufig in einer Serie von Werken mündet.

So basieren die Kraftlinien der Serie AugenBlicke (Instants) und der Serie Fließendes Wasser (Eau vive) auf der Fotokollage von einer Winterlandschaft, die aus 18 winzigen (2,8 x 5,5 cm), sich wiederholenden Rechtecken besteht.

Karl Hermann Haupt, ein Bauhaus-Schüler von Lázló Moholy-Nagy, erforscht 1923 und 1924 auf der Basis von Fotokollagen die Wirkung blickführender Kraftlinien, das Verhältnis von Schwarz und Weiß, von Positiv und Negativ.

1923 hatte der Lázló Moholy-Nagy, ein „unermüdlicher Propagandist des Wandels“, am Bauhaus inoffiziell die Fotografie in seinen Vorkurs aufgenommen.

Gerade der „technische Blick“ des kalten Kamera-Auges, die Mechanik der Bilderzeugung jenseits individueller Künstlerhandschrift, machten die Fotografie für ihn zum geeigneten Medium, um eine Bildsprache für die modernen Gegenwart zu schaffen, durch welche die menschliche Wahrnehmung um eine neuartige Dimension des Visuellen bereichert würde …

Moholys war mitnichten an einer direkten Abbildung des Vorhandenen, Realen interessiert, sondern an der Gestaltung einer neuen Welt aus dem Geiste der Technik: „Das Geheimnis ihrer Wirkung ist, daß der fotografische Apparat das rein optische Bild reproduziert und so die optisch-wahren Verzeichnungen, Verzerrungen, Verkürzungen usw. zeigt, während unser Auge die aufgenommenen optischen Erscheinungen mit unserer intellektuellen Erfahrung durch assoziative Bindungen formal und räumlich zu einem Vorstellungsbild ergänzt.“

 

 

(aus Jeannine Fiedler und Peter Feierabend (Hrsg.), Bauhaus, Köln 1999, S. 512 ff.)

 

Zehn bis fünfzehn Jahre gedankliche Auseinandersetzung mit Haupts Fotomontage und zahlreiche Transpositionshypothesen erlaubten mir, meine Interpretation und vor allem den passenden Maßstab zu finden.

Sabine Cibert - Source Instants - Facsimile - Karl Herman-Haupt

Sabine-Cibert-Source-Instants-Facsimile-Karl Herman-Haupt

In den Serien AugenBlicke und Fließendes Wasser behalte ich das Prinzip der Wiederholung von Motiv und Spiegelbild bei, nutzte aber ein größeres Format und betone so den visuellen Effekt von Lichtbrechung und -schwingung. Strenge Linien schaffen eine dynamische Atmosphäre in ständiger Bewegung. Der Block wird für die Serie AugenBlicke in vier, für die Serie Fließendes Wasser in zwei verschiedene Richtungen ausgerichtet.

 

 

Abbildung der Kraftlinien von Karl Hermann Haupts Fotomontage (16,5 x 16,5 cm)

Werke aus der Serie Fließendes Wasser 2015 – 2019

Fließendes Wasser 3 | 152 x 215 cm |Nr.: 194.2017.3 | 6825 Fragmente mit einer Seitenlänge von3 cm

Fließendes Wasser 1 | 152 x 144 cm | Nr.: 186.2016.3 | 4095 Fragmente mit einer Seitenlänge von 3 cm

Stofffragmente von Hand dreidimensional oder klassisch zusammengefügt; in Handarbeit auf einer Unterfütterung abgesteppt; Wattierung aus Seidenvlies.

In meinen großformatigen Textilkompositionen evoziere ich Wetterphänomene, plötzliche Lichtwechsel und die tellurischen Kräfte der Natur; vom Lac d’Annecy meiner Kindheit bis hin zur Gletscherschmelze im Mont-Blanc-Massiv, das ich vom Fenster meines alpinen Ateliers aus betrachte.

Fließendes Wasser 1 und 3 versammeln diese verinnerlichten, von der gewaltigen Natur inspirierten Landschaften.

Vom allerersten Eintauchen bis hin zu den Tsunamis, von angeschwollenen Sturzbächen bis hin zu Überquerungen in behelfsmäßigen Booten, von Hokusais Wasserfällen bis zu Monets Seerosen; das Wasser – lebensspendend und ungebändigt, schützend und zerstörerisch – dynamisiert und vernichtet. Um es zu zähmen und seinen Standpunkt zu ändern, muss der Mensch die gewaltige Kraft des Wassers annehmen.

Gefangen in diesen Bewegungen wird der Betrachter konfrontiert mit dem ständigen Zustandswechsel des Wassers in Raum und Zeit; schnell strömend, schwerelos verdampfend, monumental zu Eis erstarrt.

Das Motiv von Karl Hermann Haupt wird hier durch einen breiten Farbverlauf in Blautönen vereinheitlicht; eine Schrägachse macht es weicher. Die Komposition scheint zu vibrieren, zu fließen und zu sprudeln, von links nach rechts, von rechts nach links.

Kurz bevor die Rückseite von Fließendes Wasser 1 beim Quilten zwischen den drei Stoffschichten verschwand, wurde sie fotografiert; die Fotos erlaubten, sich die Wirkung eines neuen Oberflächenmaterials in einem größeren Format vorzustellen. Die Umsetzung erfolgt mit Fließendes Wasser 3.

Dabei entsteht eine völlig neue, dreidimensionale Oberflächenstruktur. Jedes der 6825 kleinen Stoffquadrate scheint mit seinen Nachbarn zu verschmelzen, wodurch eine unscharfe, fast impressionistische Optik entsteht. Die Stoffquadrate haben an Mobilität gewonnen, scheinen beschleunigt und folgen dem steiler werdenden Abwärtslauf einer Landschaft, in der Licht und Schatten zusammenfließen. Diese neue Oberflächenstruktur verleiht dem Werk eine leicht verschwommene Anmutung von großer Sinnlichkeit, als wollte sich der Äther über die Materie legen.

 

„Ich spüre, dass es eine gemeinsame Topografie zwischen der Bewegung im Inneren des menschlichen Körpers und des Weltenkörpers […] gibt.“

 

Fabienne Verdier

 

(s. https://domaine-chaumont.fr/de/kunst-und-naturzentrum/kunstsaison-2022/fabienne-verdier [6.4.22])

 

Text (mit Ausnahme der Zitate) von Sabine Cibert, mit Anleihen aus den Texten von Chantal Danjou und Thomas Leveugle.